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1. Mein Weg zum Verständnis des Menschen

Woher kommt meine Krankheit? Warum bin ich krank? Diese Frage stellt sich wohl jeder Mensch, der von Beschwerden geplagt wird. Ebenso fragen sich viele in einer verzweifelten Lage: „Warum ich?“ – oder, wenn ein geliebter Mensch an einer schweren oder chronischen Krankheit leidet und vielleicht sogar stirbt: „Warum er/sie und ich nicht?“

Mein Name ist Dr. Horst Müller. Seit mittlerweile 22 Jahren praktiziere ich als Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in Weinheim. Während meines Medizinstudiums in Freiburg und meiner Facharztausbildung konnte ich mir breites Fachwissen aus der Literatur und von erfahrenen Medizinern aneignen. Deshalb dachte ich am Anfang meiner Laufbahn, über die Herkunft von Krankheiten gut Bescheid zu wissen. Sehr bald stieß ich aber auf einen Patienten, für dessen Problem ich keine befriedigende Lösung hatte.

Fall 1

Mein Patient war ein älterer Herr mit einer Beschwerde, die ihn schon eine längere Zeit plagte. Immer wieder „fielen“ ihm die Ohren zu. Um diese Last loszuwerden, kam er zu mir. Die Diagnose zu stellen fiel mir leicht. Es handelte sich um eine Funktionsstörung der Belüftung des Mittelohres, der sogenannten Eustachischen Röhre zwischen Rachen und Mittelohr. Gemäß der Schulmedizin ist die Ursache ein Flüssigkeitsmangel im Kreislauf des Patienten. Deshalb riet ich ihm, mehr zu trinken und war überzeugt davon, ihm so geholfen zu haben.

Allerdings kam der Patient nach wenigen Wochen wieder: „Herr Doktor, jetzt trinke ich bestimmt 3 Liter Wasser am Tag, aber die Ohren fallen mir immer noch zu.“ Nun hätte ich ihm raten können, noch mehr zu trinken. Außerdem hätte ich seine Krankheit zu einer üblichen Alterserscheinung erklären können. Aber wäre damit die eigentliche Ursache der Krankheit gefunden?

Mit meinen Fachkenntnissen konnte ich Symptome benennen und Diagnosen stellen, aber die Antwort, warum mein Patient krank war, kannte ich nicht. Als Arzt wollte ich aber mit gutem Gewissen sagen können, was die Ursache der Krankheit meiner Patienten ist. Um ihre Symptome dauerhaft zu beheben, musste ich offenbar tiefer suchen. Ich wollte meine Patienten mit ihren Fragen nicht mehr alleine lassen, sondern ihnen Antworten geben, die ich selbst nachvollziehen kann.

Mir ist wichtig, der Ursache einer Krankheit auf den Grund zu gehen. Nur die Symptome zu behandeln, wäre für mich nicht ausreichend. Dazu ein einfaches Beispiel: Die Ursache von Schimmel in der Wohnung ist erklärbar, denn Schimmel entsteht, wenn bestimmte Temperaturen und Feuchtigkeit aufeinandertreffen und so dem Schimmelpilz einen Lebensraum bieten. Wenn nun ein Fachmann nur ein Schimmelentfernungsmittel zur Abhilfe empfiehlt, aber die Ursache nicht beheben würde, wäre das nicht akzeptabel. Denn das Schimmelentfernungsmittel kann die Feuchtigkeit und ggf. die Wärmebrücke an der Wand nicht beseitigen. Auch Luftentfeuchter wären keine Lösung, sondern lediglich Symptombehandlung. Erst wenn die Entstehung der Feuchtigkeit als Ursache erkannt und beseitigt wurde, ist die Schimmelbildung wirklich bekämpft.

In vielen Berufen sind die Fachleute gute Kenner ihres Arbeitsbereiches. Der KFZ-Mechaniker kennt das Fahrzeug in allen Einzelteilen. Ein Architekt ist mit den Eigenschaften der verwendeten Baustoffe vertraut. Aber der Arzt kennt den Menschen oft nicht wirklich und kann somit die Ursache einer Krankheit weder finden noch beseitigen. Leider erfahren so die Patienten in den meisten Fällen die wirkliche Ursache ihrer Erkrankung nicht, schlicht weil sie unbekannt ist. Diese Unkenntnis folgt aus der Tatsache, dass der Mensch in der Medizin viel zu selten als komplettes Wesen betrachtet wird.

In der Arztpraxis fand ich mich mit dem ganzen Menschen konfrontiert. Aus „der Nase“ oder „dem Ohr“ wurde plötzlich eine Person, die Fragen hat. Ich war in der Ausbildung gut auf Symptomerkennung trainiert und konnte binnen 5 Stunden 70 Patienten untersuchen. Wäre der erste Patient nach der Untersuchung der 69 anderen Fälle nochmal zu mir gekommen, hätte ich ihn als Person wohl nicht erkannt. Aber an der Nase hätte ich gemerkt, dass ich ihn heute schon einmal vor mir hatte. Die Situation mit den unbeantworteten Fragen meiner Patienten hat mich bedrückt, denn ich wollte im übertragenen Sinne keine Schimmelpilzmittel verkaufen, ohne zu wissen, warum die Wand feucht wird und was dagegen zu tun ist.

Um die Ursache der Krankheit zu ergründen, habe ich nicht in Büchern oder im Internet gesucht, sondern habe die Patienten selbst gefragt. Da das Reden bei 70 Patienten in 5 Stunden doch etwas kurz kommt, wurde es nötig, mir mehr Zeit für meine Patienten zu nehmen, um ihnen zuzuhören.

Der erste Schritt meiner Suche war, eine Zeitlinie mit der Krankheitsgeschichte meiner Patienten zu erstellen. Ich notierte alle größeren und kleineren Beschwerden und Krankheiten, einschließlich Operationen und Geburten.

Das ist die Anamnese, eine übliche Vorgehensweise in der Medizin. Wenn man Patienten wirklich kennenlernen will, braucht man dafür etwas Zeit. Ich mache diese Aufnahmegespräche bis heute und mancher Patient ist erstaunt, dass er beim HNO-Arzt so viele Fragen beantworten soll. Ich erkläre dann, dass ich ein Gesamtbild des Patienten brauche und nicht nur das eine Symptom betrachte, mit dem er sich bei mir vorstellt. Ich muss den ganzen Menschen mit allen seinen Erkrankungen kennen.

Als „Gegenseite“ zu ihren Krankheiten und medizinischen Eingriffen habe ich die Lebensgeschichte der Patienten daneben gestellt. Dabei sind vor allem die engsten Beziehungen sowie die durchlebten einschneidenden Ereignisse entscheidend. Diese Bindungen und Erlebnisse stellen auf der Gedankenebene das Wichtigste für den Menschen dar. Also habe ich die Beziehungen zu den Eltern, der Eltern untereinander, zum Ehepartner, zu den Kindern usw. aufgenommen. Dazu ergänzte ich Ereignisse wie Heirat, Scheidung, Tod enger Angehöriger, die berufliche Situation, größere Veränderungen wie Arbeitsplatzwechsel und Umzüge. Von Bedeutung sind zudem negativ einschneidende Lebensereignisse wie schwere Traumata, insbesondere etwaige Gewalterlebnisse und Missbrauch. Alle diese Punkte habe ich auf der Zeitachse den körperlichen Beschwerden gegenübergestellt.

Zu meiner Überraschung bemerkte ich bei all meinen Patienten ein wiederkehrendes Muster: Immer dann, wenn in der Lebensgeschichte ein größeres negatives Ereignis aufgetreten war, ließ sich kurze Zeit später auch in der Krankheitsgeschichte ein erhebliches gesundheitliches Problem feststellen. Diese Beobachtung erschien mir derart bemerkenswert, dass ich begann, sie systematisch zu untersuchen. Inzwischen sind mir diese Zusammenhänge so deutlich geworden, dass ich häufig allein anhand bestimmter körperlicher Symptome auf spezifische Ereignisse in der Lebensgeschichte schließen kann, noch bevor mir der Patient davon berichtet. So war es auch bei dem Patienten mit den zugefallenen Ohren. Es waren nicht die physischen Einwirkungen, die die Beschwerden und Funktionsstörungen auslösten. Ich erkannte: Zwischen dem, was der Mensch erlebt hat und seinen körperlichen Beschwerden muss es einen direkten Zusammenhang geben.

War es also ein Erlebnis oder eine Erfahrung, die das Ohr zufallen ließ und nicht der Flüssigkeitsmangel? Um das herauszufinden, musste ich mich mit etwas beschäftigen, was in der Schulmedizin oft nur als Nebenaspekt untersucht wird: Das Denken des Menschen bzw. die Gedanken und ihre Rolle im Menschen.

Ich musste mich also fragen: Was sind Gedanken? Woher kommen sie? Und noch wichtiger: Wo beginnen sie? Schließlich müssen auch Gedanken irgendwoher kommen und einen Beginn haben.

Nach vielen Anamnesen und den Schilderungen der Lebensgeschichten meiner Patienten – inzwischen sind es mehrere 10.000 – ist mir klar geworden, was die Ursache der Krankheiten des Menschen ist.